Weitere zugeordnete Unterlage; nicht als vollständige Beantwortung oder Beschluss eingeordnet.
GLA/009/2026
Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller
Anfrage der Ratsfraktion FDP-Ratsfraktion: Digitale Gewalt an Frauen für die Sitzung
am 28.04.2026
Frage 1:
Inwieweit sind die bestehenden Düsseldorfer Beratungs- und Unterstützungsangebote
für Frauen unter Berücksichtigung der bisherigen Praxiserfahrungen (ins-besondere
hinsichtlich Fallzahlen, typischer Problemlagen und Unterstützungsbedarfe)
konzeptionell und personell auf Fälle digitaler Gewalt (z.B. Deepfakes,
Identitätsmissbrauch) vorbereitet?
Die Anfrage zum Thema digitale Gewalt in der Beratungspraxis wurde an spezialisierte
Beratungs- und Hilfseinrichtungen für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen
weitergeleitet. Die Anfrage wurde von folgenden Einrichtungen beantwortet:
frauenberatungsstelle düsseldorf e.V., ProMädchen - Mädchenhaus Düsseldorf e.V.,
Ambulanz für Gewaltopfer sowie Internationales Frauenhaus der AWO Familienglobus
gGmbH.
Digitale Gewalt als Gegenstand der Beratung
„Digitale Gewalt ist mittlerweile in den meisten Fällen ein Bestandteil der mehrdimensionalen
Gewalterfahrungen von Frauen*. In der Arbeit stellt sie daher meist einen Teilaspekt
komplexer Gewaltphänomene dar (z. B. Häusliche und Partnerschaftsgewalt, Stalking,
sexuelle Belästigung etc.). Typische Formen der Gewalt, von denen betroffene Frauen*
berichten, umfassen u. a. digitale Überwachung z.B. durch Tracker, Bedrohungen über
soziale Medien oder auch die (angedrohte) Verbreitung intimer Inhalte. Es werden
(heimliche) Filmaufnahmen veröffentlicht oder auch sexualisierte Übergriffe mitgeschnitten
und online gestellt. Die aus dieser Gewalt resultierenden psychosozialen Auswirkungen auf
die betroffenen Frauen* zeigen dabei starke Ähnlichkeiten mit denen ‚analoger' Gewalt,
insbesondere im Hinblick auf Angst, Ohnmachtsgefühle und psychosomatischen Folgen.
Fälle digitaler Gewalt gegen Personen des öffentlichen Lebens treten bislang kaum in der
Beratungsarbeit auf. In allen spezifischen Fachstellen der Frauenberatungsstelle gibt es
dagegen zunehmend auch Gewalt in digitaler Form (z.B. auch Deepfakes oder
Identitätsmissbrauch). Eine gesonderte und detaillierte statistische Erfassung dieser Gewalt
erfolgt derzeit nicht."
„In unserer Arbeit beobachten wir, dass digitale Gewalt - darunter sexualisierte digitale
Gewalt, Identitätsmissbrauch, Deepfakes oder das unerlaubte Weiterverbreiten von Bildern -
in der Lebensrealität der Mädchen* und jungen Frauen* eine zunehmend große Rolle spielt.
Insbesondere bei Mädchen* wird oft unterschätzt, wie verbreitet Erfahrungen digitaler Gewalt
in ihrem Alltag bereits sind.
Der Großteil der Mädchen* zwischen 10 und 14 Jahren hat bereits Erfahrungen mit digitaler
Gewalt gemacht. Etwa die Hälfte der Teilnehmer*innen unserer Präventionsangebote
berichtet von konkreten Vorfällen, die teilweise auch strafrechtlich relevant sind."
„Aufgrund der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung und der Verschiebung von
Gewaltformen vom analogen in den digitalen Raum ist das Düsseldorfer Hilfesystem für
Frauen zunehmend auch auf Fälle digitaler Gewalt ausgerichtet. Auch das bestehende
Angebot der Ambulanz für Gewaltopfer umfasst die verschiedenen Formen der digitalen
Gewalt, bietet dies jedoch nicht als Beratungsschwerpunkt an. Es handelt sich demnach um
eine thematische Erweiterung.
Digitale Gewalt tritt oft als Teil von (Ex-) Partnerschaftsgewalt auf (z. B. Stalking via Spyware
oder Drohung mit intimen Bildern), was sich auch in der Ambulanz für Gewaltopfer
widerspiegeln lässt. In den meisten Fällen wenden sich von digitaler Gewalt betroffene
Frauen erstmalig aufgrund häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt an die Beratungsstelle.
In den letzten Jahren sind die durch die Polizei erfassten Vorfälle von Gewalt gegen Frauen
auch in Düsseldorf stetig angestiegen, wobei davon auszugehen ist, dass die Dunkelziffer im
digitalen Raum aufgrund hoher Schamgrenzen und schwieriger Beweissicherung als
besonders groß gilt.
Häufig berichten Betroffene von gefälschten Profilen, Identitätsdiebstahl sowie der
ungewollten Verbreitung privater Inhalte. Neben geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt ist
auch durch rechte Gewalt motiviertes Doxing ein Beratungsanlass."
„Erfahrungsgemäß sind viele unserer Bewohnerinnen von digitaler Gewalt betroffen. Dabei
handelt es sich häufig um unerwünschte Kontaktaufnahmen über soziale Medien, aber auch
um Verleumdungen, Beleidigungen und Bedrohungen. Schwerwiegendere Formen wie
Deepfakes, die Verbreitung von Nacktaufnahmen oder Identitätsmissbrauch treten eher
vereinzelt auf. Zudem bleibt ein Teil dieser Fälle möglicherweise unbemerkt, da die
betroffenen Frauen selbst nicht immer davon erfahren. Insgesamt bleibt digitale Gewalt im
Frauenhaus teilweise unentdeckt, da die Betroffenen das Thema nicht sofort ansprechen.
Häufig spielt dabei Scham eine große Rolle. Eine statistische Erfassung der einzelnen
Gewaltformen erfolgt in unserer Einrichtung nicht."
Spezialisierte Angebote der Fachberatungsstellen
„Es wird versucht, mit einer jährlich steigenden Anzahl von Informationsangeboten zu
Digitaler Gewalt und Selbstverteidigung im Netz dem Phänomen auch präventiv zu
begegnen. Fortbildungen im Rahmen eines sehr persönlichen Engagements der Kolleginnen
finden statt, können die Dynamik und Komplexität jedoch bei weitem nicht auffangen."
„Unsere pädagogische Arbeit setzt nicht auf Verbote von Handys oder der Nutzung digitaler
Medien, sondern auf Aufklärung, Austausch und Enttabuisierung. Wir schaffen Räume, in
denen Mädchen* offen darüber sprechen können, welche Gefahren im digitalen Raum
bestehen, wie sie sich schützen können, und was zu tun ist, wenn bereits etwas passiert ist.
Um das Thema auch strukturell zu verankern, arbeiten wir an einem Schutzkonzept, das
explizit den digitalen Raum berücksichtigt. Wir arbeiten daran, wie Mädchen* und junge
Frauen* in Online-Räumen besser geschützt werden können und welche Strukturen dafür
notwendig sind."
„Die Ambulanz für Gewaltopfer ist Teil eines Hilfsnetzwerk aus verschiedenen Akteur*innen
und versucht somit interdisziplinäre Lösungsansätze zu fördern. Zum einen ist die Ambulanz
für Gewaltopfer in das Netzwerk des Kriminalpräventiven Rates Düsseldorf eingebunden und
zum anderen ist sie im Arbeitskreis Sexualisierte Gewalt und in der Fachgruppe Häusliche
Gewalt Düsseldorf aktiv. Somit wird der Austausch zwischen unterschiedlichen Professionen
und Akteur*innen gefördert und genutzt."
„Bereits beim ersten telefonischen Kontaktgespräch sprechen wir das Thema digitale Gewalt
an und führen vor der Aufnahme eine gezielte Risikoeinschätzung in diesem Bereich durch.
Unsere Mitarbeiterinnen nehmen regelmäßig an Fortbildungen und Schulungen teil und
nutzen zudem die Handreichungen der Frauenhauskoordinierung zum Thema digitale
Gewalt. Darüber hinaus ist eine Mitarbeiterin in einem entsprechenden Arbeitskreis aktiv und
hält sich mithilfe von Newslettern kontinuierlich auf dem aktuellen Stand."
Besondere Herausforderungen für die beraterische Praxis
„Die Unterstützung von Betroffenen - insbesondere im Hinblick auf technische Frage-
stellungen und konkrete Handlungsmöglichkeiten bei digitaler Gewalt - stößt fachlich und
personell an Grenzen. Die rasante technische Entwicklung sowie die Vielfalt digitaler
Gewaltformen erfordern spezialisiertes Wissen, das in den Beratungsstellen nur begrenzt
vorgehalten werden kann."
„In den meisten Fällen erlebter digitaler Gewalt folgen keine Konsequenzen. Es fehlt an
klaren Verfahren, an einer konsequenten strafrechtlichen Einordnung und wirksamen
Schutzmechanismen auf digitalen Plattformen/ Apps (z.B. Omegle). Die bestehenden
Sicherheitsvorkehrungen reichen nicht aus, was das Risiko für Gewalterfahrungen im
digitalen Raum erhöht.
Es gibt zudem keine spezialisierten Beratungsangebote für Betroffene digitaler Gewalt.
Aufgrund unserer medienpräventiven Arbeit an Schulen erreichen uns zahlreiche Anfragen
zu Medienschutz, digitaler sexualisierter Gewalt und konkreten Fallbegleitungen -
Beratungen, die wir im Rahmen unserer bestehenden Stellen nicht leisten können. Auch eine
qualifizierte Weitervermittlung der Hilfesuchenden an andere Stellen ist derzeit nicht im
notwendigen Umfang möglich."
„Die personelle Ausstattung bildet derzeit die größte Hürde, da die spezialisierte technische
Expertise im klassischen Beratungssystem oft noch fehlt.
Es fehlt häufig an IT-Fachkräften, die direkt an das Hilfssystem angebunden sind, was eine
„Übersetzerrolle" zwischen Technik und Psychosozialberatung erforderlich macht."
„Wir sind uns der zunehmenden Gefahr digitaler Gewalt bewusst. Gleichzeitig werden die
Anforderungen in der Frauenhausarbeit immer komplexer - etwa durch unsichere
Aufenthaltsstatus, Traumatisierungen, vielschichtige Problemlagen und eine steigende Zahl
von Hochrisikofällen. Dadurch sind unsere zeitlichen Kapazitäten stark begrenzt. Hinzu
kommt, dass die Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern pädagogische Fachkräfte sind und keine
IT-Spezialistinnen, was die Auseinandersetzung mit digitaler Gewalt zusätzlich erschwert."
Anpassungs- und Erweiterungsbedarf aus Perspektive der Fachpraxis
„Aus fachlicher Sicht besteht ein deutlicher Bedarf an Ergänzung der spezifischen
psychosozialen Unterstützung bei digitaler geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen*
durch sensibilisierte, externe Fachstellen mit IT- und Digitalkompetenz. Die wenigen bereits
etablierten spezialisierten Angebote wie Hate Aid sind sehr hilfreich, aber nicht ausreichend.
Die niederschwellige und kostenfreie Inanspruchnahme dieser Fachlichkeit ist in
Kombination mit der spezifischen Trauma- bzw. Gewaltschutzberatung in der
Frauenberatungsstelle eine notwendige Ergänzung, um betroffene Frauen* umfassend in
Fällen von digitaler Gewalt zu unterstützen.
Zudem zeigt sich, dass auch Polizei und Justiz in Bezug auf digitale Gewalt geschult und
weiter ertüchtigt werden müssen, auch dort braucht es dafür weitere Kapazitäten ausgebaut,
damit die Beweissicherungen für mögliche Strafverfahren gesichert werden."
„Aus fachlicher Sicht darf digitale Gewalt kein „On-top-Thema" sein. Die Komplexität und der
Anstieg von Fällen digitaler Gewalt wird von klassischen Beratungsstellen zu
geschlechtsspezifischer Gewalt aktuell nicht abgedeckt. Daher benötigt Düsseldorf eine
spezialisierte Stelle zu digitaler Gewalt, die sowohl Beratung für Betroffene als auch
zielgerichtete Präventionsarbeit anbietet.
Bislang gibt es keine Förderungen mit dem Schwerpunkt digitale Gewalt. Das muss sich
ändern, um die Angebote in bestehenden Unterstützungsangeboten auszubauen und neue
zu schaffen. Ohne solche Strukturen bleiben Betroffene und Fachkräfte mit ihren Anliegen
weitgehend allein.
Ebenso notwendig sind eine strukturierte Vernetzung und Kommunikation zwischen
verschiedenen relevanten Stellen - darunter Fachberatungen, Jugendhilfe, Schulen, Polizei,
psychosoziale Angebote sowie rechtliche Begleitung. Digitale Gewalt ist komplex und
erfordert eine ganzheitliche Unterstützung, die technische, rechtliche, psychosoziale und
pädagogische Perspektiven zusammenführt. Eine spezialisierte Stelle könnte hier
koordinierend wirken, Schnittstellen stärken und sicherstellen.
Abschließend müssen sowohl die Sichtbarkeit bestehender Unterstützungsangebote als
auch die öffentliche Wahrnehmung des Themas digitale Gewalt selbst deutlich gestärkt
werden. Digitale Gewalt muss als reale Form geschlechtsspezifischer Gewalt anerkannt und
sichtbar gemacht werden, damit Betroffene frühzeitig Unterstützung finden und
gesellschaftliche Verantwortung klar benannt wird."
„Aufgrund der Komplexität der Thematik sollte ein multidisziplinärer Ansatz ins Hilfesystem
integriert werden. Es müssen technische, rechtliche und psychosoziale Schutzmaßnahmen
gebündelt werden.
Es ist zudem erforderlich, dass Beraterinnen und Berater neben der Kernarbeit die
notwendige technische Expertise aufbauen können. Dies erfordert spezialisierte
Fortbildungsmöglichkeiten, die sich an den fortschreitenden technischen Entwicklungen
orientieren müssen.
Dies hat eine besondere Relevanz, da Betroffene laut Praxisberichten vor allem schnelle
Hilfe bei der Löschung von Inhalten auf Plattformen (Unterstützung durch Organisationen wie
HateAid) sowie Unterstützung bei der gerichtsfesten Sicherung digitaler Beweise
(Screenshots, Metadaten) benötigen.
Des Weiteren sollte ein Fokus daraufgelegt werden, die Öffentlichkeit für digitale Gewalt zu
sensibilisieren und Aufklärungsarbeit zu leisten, um auch präventive Ansätze zu integrieren.
Hierzu sollte ausreichendes Material wie Flyer, Broschüren und Infomaterial bereitgestellt
werden. Diese Arbeit wird zum Teil bereits vom Weißen Ring umgesetzt (siehe u.a.
https://weisser-ring.de/digitalegewalt_beziehung), was eine große Unterstützung darstellt,
sollte jedoch noch weiter ausgebaut und ggf. ergänzt werden."
„Es mangelt an finanziellen Mitteln, etwa für Ersatzhandys oder SIM-Karten. Darüber hinaus
wären feste Kooperationspartner*innen hilfreich, beispielsweise kompetente
Ansprechpersonen im IT-Bereich sowie Rechtsanwält*innen und Polizist*innen, um die Arbeit
in diesem Feld besser abzusichern."
Frage 2:
Wie werden Schulen, Jugendeinrichtungen, Träger der Jugendhilfe sowie
Mitarbeitende der Verwaltung und weiter Träger in Düsseldorf aktuell für
Erscheinungsformen digitaler Gewalt sensibilisiert (zum Beispiel durch Workshops,
Präventionsprogramme oder Kooperationen mit Fachstellen)?
Rückmeldung Dezernat 06:
Aus dem Erzieherischen Kinder- und Jugendschutz werden unterschiedliche Workshops und
Projekte sowie Fortbildungen und Fachtage geplant und gesteuert, die inhaltlich u. a. auf die
Sensibilisierung für Erscheinungsformen digitaler Gewalt abzielen.
Jährlich finden Workshops für Kinder und Jugendliche zum Umgang mit Falschnachrichten,
Deepfakes, Hassrede, Verschwörungserzählungen, digitaler Sicherheit und Gesundheit im
Internet statt. Diese werden in Schulen sowie Jugendfreizeiteinrichtungen durchgeführt.
Weiterhin finden Workshops in Klassen zum Thema „Prävention (sexualisierter) digitaler
Gewalt" statt.
Außerdem werden jährlich unterschiedliche Projekte zur Umsetzung von gewaltpräventiven
Maßnahmen in der Jugendhilfe gefördert. Diese Projekte sollen dazu beitragen,
Schutzfaktoren für eine ganzheitlich gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu
stärken und Risikofaktoren zu minimieren.
Weiterhin werden pädagogische Fachkräfte durch Fortbildungen für Erscheinungsformen
digitaler Gewalt sensibilisiert.
So findet zweimal jährlich die Fortbildung zur Prävention (sexualisierter) digitaler Gewalt
(Fokus Mädchen und junge Frauen) statt. Inhaltlich werden im Rahmen dieser Fortbildung
beispielsweise Themen wie Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und Cybergrooming
aufgegriffen. Neben konkreten Informationen, wie sich Jugendliche im Netz besser schützen
können, werden Methoden vorgestellt, die genutzt werden können, um die Resilienz und das
Bewusstsein der Jugendlichen in Bezug auf digitale (sexualisierte) Gewalt zu stärken und
ihre Handlungskompetenzen mit digitalen Medien zu fördern.
Darüber hinaus werden weitere handlungsorientierte Fortbildungen zum Thema Hate Speech
und Desinformation angeboten, die u. a. auch Themen wie digitale Gewalt zum Inhalt haben.
Weiterhin werden in einem zweimal jährlich stattfindenden Update Medien aktuelle Themen
und Inhalte aufgegriffen. Geplant wird dieses von der Fachberatung Digitales in
Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Medien.
Außerdem findet jährlich ein Fachtag zur Prävention sexualisierter (digitaler) Gewalt statt.
Ziel ist es, fachbezogene, aktuelle Entwicklungen aufzugreifen und diese für Fachkräfte
zugänglich zu machen. Hierbei steht ebenfalls die Sensibilisierung zu Gewaltthemen im
Fokus.
Zudem hält der EKJS eine Materialsammlung für Kinder, Jugendliche, Eltern und
pädagogische Fachkräfte zu verschiedenen Themen des Medienschutzes (u. a. Deepfakes)
vor. Diese werden den unterschiedlichen Personenkreisen bei Bedarf zur Verfügung gestellt.
Die unterschiedlichen Angebote entstehen in Kooperation mit Fachstellen wie beispielsweise
dem Zentrum für Schulpsychologie, Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt
sowie freien Trägern (beispielsweise ProMädchen Mädchenhaus Düsseldorf e. V.).
Durch das 16. Schulrechtsänderungsgesetz wurde in 2022 verfügt, dass jede Schule in NRW
ein „Schutzkonzept gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch" erstellt. Unter anderem soll
dieses konkrete Planungen zu Präventionsmaßnahmen für Schülerinnen und Schüler sowie
Fortbildungen für schulisches Personal enthalten. Alle Düsseldorfer Schulen haben
mittlerweile mit dem Prozess der Schutzkonzepterstellung gestartet oder diesen bereits
abgeschlossen. Als Ansprechpartner steht dabei neben anderen Akteuren das Zentrum für
Schulpsychologie zur Verfügung und unterstützt die Schulen in ihrem Entwicklungsprozess.
Gemeinsam mit dem Schulamt hat das Zentrum für Schulpsychologie am 12. März 2026
einen zentralen Netzwerktag zu diesem Thema für alle Schulen der unteren Schulaufsicht
ausgerichtet.
Das Zentrum für Schulpsychologie ist für alle Fragen der Gewaltprävention ansprechbar. Das
Angebot umfasst u. a. die Beratung von Lehr- und Fachkräften im Einzelfall, die Fortbildung
und Professionalisierung von schulischen Beschäftigten, die Vermittlung von präventiven
Maßnahmen und Programmen, die Vernetzung mit örtlichen Akteurinnen und Akteuren sowie
die Unterstützung bei der Bewältigung von individuellen oder das System Schule
betreffenden Krisen. Als Präventionsprogramm sei hier exemplarisch die Ausbildung von
Düsseldorfer Schülerinnen und Schülern zu Medienscouts im gleichnamigen Peer-to-Peer
Programm der Landesanstalt für Medien hervorgehoben, die vor Ort vom Zentrum für
Schulpsychologie koordiniert wird. Fortbildungen für schulische Beschäftigte umfassen etwa
Angebote zu (sexualisierter) digitaler Gewalt, Cybermobbing, Cybergrooming, dem Umgang
mit Fake News und Hate Speech sowie sexuellen Grenzverletzungen im Netz.
Als Fachstelle zur Beratung von Schulen bei Fragen insbesondere der Prävention digitaler
Gewalt steht in Düsseldorf die „Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt an
Schulen in Nordrhein-Westfalen" (LPS) zur Verfügung. Diese ist ein gemeinschaftliches
Projekt des Ministeriums für Schule und Bildung mit der Landeshauptstadt Düsseldorf und
organisatorisch dem Zentrum für Schulpsychologie zugeordnet.
In seiner Arbeit kooperiert das Zentrum für Schulpsychologie eng mit Polizei, Jugendamt,
den Fachberaterinnen zu sexualisierter Gewalt der freien Träger, Schulsozialarbeitenden vor
Ort und weiteren Netzwerkpartnern. Zur Finanzierung von Maßnahmen der (digitalen)
Gewaltprävention, steht jeder Schule ein eigenes Budget zur Verfügung. Darüber hinaus
können Düsseldorfer Schulen unterstützende Finanzierung aus weiteren Etats beantragen,
etwa über den Kriminalpräventiven Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf, das Zentrum für
Schulpsychologie, das Jugendamt, die Bezirksvertretungen oder die Unfallkasse NRW.
Frage 3:
Sieht die Verwaltung vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen einen konkreten
Anpassungs- oder Erweiterungsbedarf bei bestehenden Angeboten (z. B.
Spezialisierung, zusätzliche Ressourcen oder verstärkte Kooperationen mit
Strafverfolgungsbehörden und Fachstellen für Cyberkriminalität)?
Hinsichtlich des Schutzes vor und der Verfolgung digitaler Gewalt bestehen nach wie vor
erhebliche strukturelle Lücken. Diese führen dazu, dass Betroffene häufig unzureichend
geschützt sind und sich Verfahren sowie Unterstützungswege als kompliziert und langwierig
erweisen. Für die Betroffenen bedeutet das eine zusätzliche psychische und organisatorische
Belastung, da sie oft selbst viel Initiative aufbringen müssen, um Hilfe zu erhalten oder gegen
die Gewalt vorzugehen. Gleichzeitig erschweren diese Defizite auch die Arbeit der Fachkräfte
in den Hilfseinrichtungen und Beratungsstellen. Sie stoßen regelmäßig an Grenzen, etwa bei
der rechtlichen Durchsetzung, der technischen Nachverfolgung oder der schnellen
Intervention bei akuten Fällen. Fehlende oder unklare Zuständigkeiten, unzureichende
Ressourcen sowie eine oft nicht ausreichend auf digitale Gewalt ausgerichtete Infrastruktur
verstärken diese Problematik zusätzlich.
Das bedeutet, dass Fachkräfte Betroffene nicht nur bei der Verarbeitung der konkreten
Gewalterfahrungen und der Stabilisierung nach digitaler Gewalt unterstützen, sondern sie
auch im Umgang mit strukturellen Defiziten begleiten und gemeinsam trotz bestehender
Lücken Handlungsmöglichkeiten entwickeln.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig eine ausreichende personelle und fachliche
Ausstattung der Beratungsstellen ist. Die Rückmeldungen der Fachkräfte zeigen klar, dass
digitale Gewalt inzwischen ein fester und zentraler Bestandteil der Beratungspraxis geworden
ist. Sie stellt keine Randerscheinung dar, sondern prägt viele Fälle maßgeblich. Digitale
Gewalt ist häufig eng mit sogenannter „analoger" Gewalt verknüpft, etwa im Kontext häuslicher
Gewalt oder Stalking.
Angesichts der hohen Komplexität und der rasanten Weiterentwicklung digitaler Gewalt wird
insbesondere im Hinblick auf die verfügbaren Personalressourcen sowie auf spezifische
technische Fachkenntnisse ein deutlicher Unterstützungsbedarf formuliert. Fachkräfte stoßen
hierbei häufig an ihre Grenzen, da sich digitale Gewaltformen kontinuierlich weiterentwickeln
und ein hohes Maß an technischem Wissen erfordern. Vor diesem Hintergrund wird eine
nachhaltige und gut abgestimmte Zusammenarbeit mit spezialisierten Fachstellen als zentral
erachtet. Diese sollen gezielt IT- und Digitalkompetenz einbringen und damit die klassische
Trauma- und Gewaltschutzberatung sinnvoll ergänzen. Durch diese interdisziplinäre
Kooperation kann eine umfassendere Unterstützung der Betroffenen gewährleistet und
zugleich die fachliche Handlungsfähigkeit der Beratungsstellen gestärkt werden.
Rückmeldung Dezernat 06:
Der im November 2019 überabeitete gemeinsame Runderlass „Zusammenarbeit bei der
Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität" fördert die Zusammenarbeit von
Jugendämtern, Schule, Polizei, Justiz und Gesundheitsbehörden. Ziel ist eine enge
Vernetzung der verschiedenen Akteure vor Ort, damit der Schutz der Kinder und
Jugendlichen optimiert werden kann. Im Erlass ist u.a. beschrieben, wie vor Ort Netzwerke
der Prävention aufgebaut werden können, wie die unterschiedlichen Netzwerkpartner auf
Fälle von (Gewalt-)Kriminalität reagieren und welche Unterstützung sie sich gegenseitig
leisten. Entsprechende Strukturen sind in der Landeshauptstadt Düsseldorf vorhanden und
können von den Schulen bei (Gewalt-)Vorfällen unkompliziert aktiviert werden. Wie
beschrieben, können Düsseldorfer Schulen außerdem auf ein breites Netzwerk an Akteuren
sowie Angeboten und Maßnahmen der Prävention zurückgreifen.
Wünschenswert wäre aus Sicht des Zentrums für Schulpsychologie der Ausbau von
Angeboten zur sexualpädagogischen Bildung an Schulen, u. a. durch externe Anbieter. Dazu
gehört auch der offene Umgang mit Formen digital gelebter Sexualität, also etwa Themen
wie Sexting, Pornografie, Online-Dating. Entsprechende Angebote stehen noch nicht
flächendeckend zur Verfügung. Sie bieten das Potenzial die sexuelle Selbstbestimmung von
Jugendlichen zu stärken, die Medienkompetenz zu fördern und damit wesentlich zur
Prävention gegen (digitale) sexualisierte Gewalt beizutragen.
Aus Sicht des Erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes besteht vor dem Hintergrund
aktueller Entwicklungen ein kontinuierlicher Anpassungs- und
Weiterentwicklungsbedarf bestehender Angebote. Digitale Gewalt unterliegt einem
schnellen Wandel, weshalb die Verwaltung sensibel für neue Phänomene bleibt und ihre
Maßnahmen fortlaufend überprüft und anpasst. Ziel ist es, die bestehenden präventiven
Strukturen nachhaltig zu stärken und flexibel auf neue Herausforderungen reagieren zu
können.
Allgemeiner Hinweis:
Die vom Amt für Gleichstellung und Antidiskriminierung organisierte Veranstaltungsreihe
„Swipe, Like, Hate - Digitale Räume zwischen Diskriminierung und Empowerment"
beschäftigt sich mit digitaler Gewalt und Künstlicher Intelligenz. Im Mittelpunkt stehen die
Fragen, wie Betroffene sich vor digitaler Gewalt schützen können und wie digitale Räume
sicherer und gerechter gestaltet werden.
Folgende Veranstaltungen wurden bereits durchgeführt:
27.11. 2025 | Online-Vortrag „Geschlechtsspezifisch digitaler Gewalt - Was ist das
eigentlich?" mit Prof. Dr. Nivedita Prasad, Alice Salomon Hochschule Berlin
02.02.2026 | Online-Vortrag „Mit feministischer KI von Unterdrückung zu
Empowerment" mit Dr. Eva Gengler, Speakerin, Co-Founderin der feminist AI
Community, Geschäftsführerin von enableYou
27.03.2026 | Workshop „Einführung in die Welt der Künstlichen Intelligenz (KI) für
Frauen) mit Anja Schuchhardt, KI Dozentin, Beraterin und Unternehmerin
Für die zweite Jahreshälfte sind weitere Veranstaltungen geplant, die rechtzeitig bekannt
gegeben werden.
Die Veranstaltungsreihe ist eine Maßnahme aus dem Aktionsplan „(Sexualisierte) Gewalt
unter Erwachsenen", der im vergangenen Jahr im Ausschuss für Gleichstellung beschlossen
wurde.