Title: Reform Elternbeiträge_Eingabe 2
URL Source: http://ris-oparl.itk-rheinland.de/Oparl/bodies/0015/downloadfiles/00592400.pdf
Published Time: Thu, 02 Jul 2026 11:34:15 GMT
Number of Pages: 3
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Anlage 2
> zu Vorlage ABA/034/2026
> Eingabe nach § 24 GO:
> Reform der Elternbeiträge in Kindertageseinrichtungen
> Eingabe vom 29.06.2026
> Von: LLKKKK <
[email protected] >
> Gesendet: Montag, 29. Juni 2026 10:27
> An: Keller, Stephan <
[email protected] >
> Cc: lhd.B01-Beschwerdeausschuss <
[email protected] >
> Betreff: Stellungnahme zur geplanten Reform der Kita-Elternbeiträge in Düsseldorf
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller,
sehr geehrte Damen und Herren des Rates der Landeshauptstadt Düsseldorf,
sehr geehrte Mitglieder des Jugendhilfeausschusses,
mit großer Sorge verfolge ich die geplante Reform der Kita-Elternbeiträge. Als Professorin für Betriebswirtschaftslehre befasse ich mich regelmäßig mit den Auswirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen auf Unternehmen, Beschäftigte und Gesellschaft. Gleichzeitig bin ich als Mutter von zwei kleinen Kindern und vollzeitbeschäftigte Berufstätige von den geplanten Änderungen unmittelbar betroffen. Diese Verbindung aus fachlicher und persönlicher Perspektive veranlasst mich, mich mit diesem Schreiben an Sie zu wenden.
Ich begrüße ausdrücklich das Ziel, Familien mit geringem Einkommen zu entlasten. Gleichzeitig darf dieses Ziel nicht dadurch erreicht werden, dass andere berufstätige Familien unverhältnismäßig stärker belastet werden. Die geplante Ausgestaltung schafft aus meiner Sicht Fehlanreize, die den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zielen unserer Stadt widersprechen.
Die Reform geht von der Annahme aus, dass 35 Betreuungsstunden für die meisten Familien ausreichend seien. Diese Annahme entspricht jedoch nicht der Lebensrealität vieler berufstätiger Eltern. Betreuungszeit umfasst nicht nur die eigentliche Arbeitszeit, sondern auch den Arbeitsweg sowie Bring- und Abholzeiten. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies: Wer 25 Stunden pro Woche arbeitet, ist bei einer täglichen Pendelzeit von jeweils 30 Minuten sowie dem Bringen und Abholen des Kindes schnell rund sieben Stunden täglich außer Haus. Damit sind 35 Betreuungsstunden bereits nahezu ausgeschöpft. Wer 30 Stunden arbeitet oder einen längeren Arbeitsweg hat, benötigt zwangsläufig einen 40- oder 45-Stunden-Platz. Noch deutlicher wird dies bei einer Vollzeitbeschäftigung. Eine Vollzeitstelle lässt sich mit einem 35-Stunden-Betreuungsplatz faktisch nicht vereinbaren. Eltern, die in Vollzeit arbeiten, sind auf eine 45-Stunden-Betreuung angewiesen. Genau diese notwendige Betreuung soll nun deutlich teurer werden. Damit werden nicht Luxusleistungen verteuert, sondern die Voraussetzungen dafür, überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist entscheidend, dass sich der finanzielle Mehrwert zusätzlicher Arbeitsstunden durch die Reform deutlich verringert. Wenn ein erheblicher Teil des zusätzlich erwirtschafteten Einkommens unmittelbar durch höhere Betreuungskosten aufgezehrt wird, sinkt der ökonomische Anreiz, den Beschäftigungsumfang auszuweiten. Genau diese Lenkungswirkung sollte Anlage 2
> zu Vorlage ABA/034/2026
kommunale Familienpolitik vermeiden. Die geplante Reform belastet jedoch ausgerechnet diejenigen Familien stärker, die auf eine längere Betreuung angewiesen sind, um ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Damit werden Arbeitsanreize geschwächt, obwohl unsere Gesellschaft angesichts des Fachkräftemangels auf eine möglichst hohe Erwerbsbeteiligung angewiesen ist.
Besonders kritisch sehe ich hier die Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern. Die geplante Beitragsstruktur schafft finanzielle Anreize, den Umfang der Erwerbstätigkeit an die kostenfreie Betreuungszeit anzupassen. Für viele Familien wird sich die Frage stellen, ob sich eine Vollzeitbeschäftigung oder eine Ausweitung der Arbeitszeit noch lohnt, wenn dadurch ein 45-Stunden-Betreuungsplatz mit Elternbeiträgen von bis zu 800 Euro monatlich erforderlich wird. Die wirtschaftlich naheliegende Konsequenz wird sein, die Arbeitszeit so zu reduzieren, dass ein 35-Stunden-Betreuungsplatz ausreicht. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Einkommensunterschiede wird hiervon häufig die Person mit dem geringeren Einkommen betroffen sein und das sind noch immer überwiegend Frauen. Die Folge sind geringere Karrierechancen, niedrigere Rentenansprüche und eine stärkere finanzielle Abhängigkeit. Eine Reform mit solchen Auswirkungen wäre aus meiner Sicht ein deutlicher Rückschritt für die Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Darüber hinaus steht die Reform auch im Widerspruch zu den familienpolitischen Zielen von Bund, Land und Kommune. Seit Jahren wird in den Ausbau der Kinderbetreuung investiert, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern und Eltern eine höhere Erwerbsbeteiligung zu ermöglichen. Düsseldorf verteuert nun ausgerechnet die Betreuungszeiten, die für eine Berufstätigkeit notwendig sind. Das sendet widersprüchliche Signale und konterkariert die eigenen politischen Ziele.
Auch aus wirtschaftlicher Sicht halte ich die Reform für problematisch. Jede Arbeitsstunde, die aufgrund steigender Betreuungskosten verloren geht, verschärft den bereits bestehenden Fachkräftemangel. Familienpolitik ist deshalb immer auch Wirtschafts- und Standortpolitik. Eine Stadt, die Erwerbstätigkeit erschwert, schwächt langfristig ihre eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Düsseldorf versteht sich als familienfreundliche und zukunftsorientierte Stadt. Eine moderne Familienpolitik sollte Eltern dabei unterstützen, ihre beruflichen Potenziale auszuschöpfen, anstatt sie vor die Entscheidung zu stellen, ob sich Erwerbstätigkeit überhaupt noch lohnt. Kinderbetreuung ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Eltern arbeiten, Steuern zahlen und aktiv zum gesellschaftlichen Wohlstand beitragen können.
Ich bitte Sie daher eindringlich, die geplante Reform in ihrer jetzigen Form nicht zu beschließen. Sie sendet das falsche Signal an Familien, setzt Fehlanreize für Erwerbstätigkeit, erschwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und steht im Widerspruch zu den Zielen einer modernen Familien-, Gleichstellungs- und Wirtschaftspolitik. Düsseldorf braucht eine Familienpolitik, die Erwerbstätigkeit ermöglicht, statt erschwert. Eine Reform, die die notwendige Kinderbetreuung für Vollzeit- und vollzeitnahe Beschäftigung verteuert, Arbeitszeitreduzierungen begünstigt und insbesondere Frauen benachteiligen kann, ist weder familienfreundlich noch zukunftsorientiert. Anlage 2
> zu Vorlage ABA/034/2026
Ich hoffe sehr, dass Sie die Sorgen vieler betroffener Familien ernst nehmen und die geplanten Änderungen noch einmal überdenken. Familien brauchen Verlässlichkeit und Unterstützung, keine zusätzlichen Hürden, die sie am Ende dazu zwingen, ihre beruflichen und persönlichen Perspektiven einzuschränken.
Ich würde mich freuen, wenn meine Argumente in die weiteren Beratungen einbezogen werden.
Mit freundlichen Grüßen
(Name und Anschrift der Einsenderin)